Sonntag, Juni 21, 2009

Tag eins nach den heftigen Protesten im Iran - Und was kommt jetzt?


Nach den schrecklichen, brutalen, menschenverachtenden Angriffen, die gestern auf die iranischen Protestanten verübt worden, habe ich mich heute den ganzen Tag gefragt, wie es wohl weitergehen wird. Das Geschehene muss überhaupt erst verarbeitet werden. Die gestrigen Bilder haben mich hier in meinem wohl behüteten vier Wänden in eine Schockstarre versetzt; gedanklich kann ich mir kaum ausmalen, wie traumatisch es in den Menschen aussehen muss, die als Augenzeuen gestern live dabei waren. Ich fühl mich hilflos und frage mich, was ich tun kann. Reicht es aus meine Twitter-Einstellungen auf Theran Zeit zu setzen, wichtige Posts zu retweeten, zuzuschauen, zuzuhören, Mut auszusprechen, weiterzusagen, Gefühle zu teilen, Petitionen zu unterschreiben, eine grüne Pixel-Wand mit meinem Avatar zu versehen? Ich glaube mit dieser Stimmung bin ich nicht alleine...!!?

Auf der einen Seite habe ich durch die Posts auf Twitter den Eindruck bekommen, dass sich die als friedlich gestartete "Sea of Green"-Bewegung im Anfangsstadium einer Radikalisierung befindet. Da werden Mischverhältnisse von Molotov Cocktails hochgeladen, Ketten mit Stahlschlössern als nützliche Waffe gegen die motorisierten Paramilitärs empfohlen  und sich insgesamt die Frage gestellt, wie man unbewaffnet diesen "Kampf" gewinnen kann. Auch erste gelähmt-frustrierte Stimmen waren zu hören, denen vor Ohnmacht der Ausblick fehlt. Auf der anderen Seite gibt es weiterhin mutige Aufrufe zu neuen Protesten, Euphorie für ein besseres System, Durchhalteparolen und strategisches Kalkül. Ganz oft wurde heute von der Möglichkeit eines Streik gesprochen. Was geschieht wenn, Millionen Menschen, vor allem die in der Ölindustrie Tätigen,  in einen Generalstreik treten, der  das sowieso angeschlagene System zum noch weiter schadet und eventuell zum Kollaps bringt. Internationale Aufrufe nach Menschen, die administratorisch helfen können so etwas zu organisieren, wurden laut. 

Weiterhin wird sich die Frage gestellt, wie die Proteste insgesamt die politische Führungsriege spaltet. Was macht ein einflussreicher Rafsandjani, ehemaliger Staatspräsident und Vorsitzender des Expertenrates, dessen Tocher verhaftet und wieder freigelassen wurde. Welche Auswirkungen haben die Aussagen des Ayatholla Montazeri, der als hoch angesehener Geistlicher das Regime kritisiert und zu drei Trauer-und Gedenktagen aufgerufen hat. Welche Rolle wird das iranische Militär noch spielen? Wie groß ist der Riss der durch die Führungsspitze des iranischen Gottesstaates geht? In welche Richtung wird sich dieser Machkampf entwickeln? Ich selber durchblicke manchmal dieses ganze System des islamischen Gottesstaates nicht wirklich und befinde mich täglich in einem Versuch herauszufiltern, welche Dimensionen solche Nachrichten wirklich haben. Ich springe wie wild von einem zum anderen Link, um  nicht unversucht zu lassen, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen. Aber genau dieser multiperspektivische Blick und das eigene Suchen ist wohl laut Konstruktivismus das Entstehen von "Wirklichkeit" im eigenen Verarbeitungsprozess.

Wie sollte sich eigentlich unsere Regierung und die der restlichen Staaten verhalten? Da fielen heute auf jeden Fall deutlichere Worte als noch vor ein paar Tagen. Da wird gemahnt und an die Menschenrechte appelliert. Was macht eigentlich die UN? Was meint eigentlich Mr. Ban damit, wenn er sagt, dass er ein Augen auf die Situation nach der Wahl im Iran geworfen hat? Ungeachtet der politischen Entscheidungsträger sind überall auf der Welt Soli-Demos organisiert worden. In Paris waren an die 90.000 Menschen zusammengekommen, um gegen die Wahlergebnisse und das radikale Vorgehen des Regierungsapparats zu protestieren.

Und hinter diesen ganzen Fragen darf das unvorstellbare Leid  der Menschen auf den Straßen nicht verwischen. Innerhalb von 12 Stunden ist eine junge iranische Frau, die innerhalb von knapp zwei Minuten vor der Kamera zu Boden geht und neben ihrem Vater stirbt zu einem schrecklichen ikonographischen Symbol des Terrors geworden, der im Namen der religiösen Demokratie ausgeübt wird. Diese 2 Minuten sind ein expliziter brutaler Schlag ins Gesicht. Geradezu eine ungeschminkt emphatische Vergewaltigung. Doch ich will sehen, was mir dort von den elektronischen Augen der iranischen Protestanten vorgehalten wird: "Das ist unsere Realität, hier und jetzt." Wie gehe ich persönlich mit diesen Bildern um? Wo sind Grenzen erreicht? Welche Auswirkungen hat das auf eine moderne Berichterstattung? Ich habe das erste Mal in der Tagesschau Medienwissenschaftler gesehen, die YouTube Videos für das Publikum kommentiert und deren Glaubwürdigkeit eingeschätzt haben. 

Zu diesem Gewalt und Medien kann ich jedem nur den Essay von Susann Sonntag "Das Leiden anderer betrachten" empfehlen. 

Jeder Tag versetzt mich in Alarmstimmung und ich kann mich der eigens gesetzten Pflicht zur Information kaum mehr erziehen. Die mich erwartenden Alltäglichkeiten der kommenden Woche erscheinen wahrlich nur noch in blasser Kontur und ich frage mich, warum ich mich mit solch "Nichtigkeiten" auseinandersetzen soll. Ab und an muss ich mich von meiner eigenen Schaltzentrale auch distanzieren und mal wieder unter Leute gehen. Kurz abschalten. Und mir überlegen, was ich mache, wenn mir die wochend-bekannte Frage: "Gehst du heute Abend mit feiern?" gestellt wird. This life is a "Bizarre Ride To The Pharcyde.

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