Freitag, November 03, 2006

Strafanzeige gegen "Borat" - Was ist Satire ?

Borat spaltet weiterhin die Gemüter. Während die einen sich auf die Schenkel klopfen, wollen die anderen den Schenkelklopfern an die Gurgel springen. Das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung hat in Deutschland Strafanzeige gegen Borat Darsteller Sacha Baron Cohen und gegen die Twentieth Century Fox gestellt. Außerdem soll juristisch gegen Welt.de, die ein Interview mit "Borat" geführt und gegen RTL, Sat 1, Pro 7 und MTV juristisch vorgegangen werden, da sie Werbespots für den Film ausgestrahlt haben, die angeblich rassistische Äußerungen gegen Sinti und Roma enthalten und zu Gewalt gegenüber diesen aufrufen. FOX hat schon eingelenkt und die entsprechenden Passagen von der Internetseite und aus den TV Spots gestrichen. Der Film wird diesen Veränderungen aber nicht unterworfen werden, da er in seiner Gesamtheit eben als Satire zu verstehen ist.

Die Kasachen sind zornig, die amerikanische Rodeo-Fraktion ist am durchdrehen und jetzt drohen die Sinti und Roma in Hamburg mit 500 bis 1000 Leuten vor den Kinos zu boykottieren. Viele Kritiker, die den Film trotz seiner "Geschmacklosigkeiten" so hoch bewertet haben, unterstreichen immer, dass der Film als Satire zu verstehen ist, in dem der prollige Dorfjournalist aus Kasachstan, diese Kunstfigur, mit all seinen vordergründig diskrimminierenden Fragen in einem sokratischen Akt erst die diskrimminierende Wahrheit seiner (im Gegensatz zu ihm) echten Gesprächspartnern entlarvt und deren Rassissmus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus deutlicht zeigt. Sie vertrauen sich diesem tumben Auslandsreporter an und entblößen so hier wahres Gesicht.

Wer ist hier nun was ? Ist Sacha Baron Cohen nun ein Rassist ? der jüdische Camebridge Student, der seine Abschlußarbeit über Juden in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung geschrieben hat ? Sind es die von ihm bloßgestellten Amis ? Sind die Protestler humorlose Sich Aufreger, die die Pressefreiheit einschränken wollen.

Ich werde mir selber ein Bild machen und nächste Woche ins Kino gehen.
Hat jemand den Film schon gesehen und will sich dazu äußern ? Bitte schön !!

Bei der ganzen Diskussion fragt sich doch eins: Was ist Satire ? Was ist als solche zulässig ?

Was ist Satire ?

(von lat. satura (lanx) = die mit verschiedenen Früchten gefüllte Opferschale, allgemein auch durch allerlei Gemenge)
Die Satire bezeichnet eine Kunstform, die sich an einer Norm orientiert
und auf indirekt-ästhetische Weise Mißstände, besondere Ereignisse und Personen in der Literatur, im Bild und heute auch in Film und Fernsehen verspottet.
Stets lebt die Satire aus der Diskrepanz
zwischen Ideal und Wirklichkeit und kann als die in ästhetischer Form versuchte Gestaltung und Kritk des Normwiedrigen definiert werden.
Sie trifft in allen literarischen Gattungen auf - im Gedicht ebenso in Erzählungen, Roman und Drama - und erscheint je nach Absicht des Verfassers in unterschiedlichen Tonlagen:

Sie kann liebenswürdig,
humorvoll, komisch, aber auch ironisch, zornig, und scharfzüngig-bissig sein, entsprechend der Schillerschen Unterscheidung zwischen "lachender und "strafender " Satire.

Peter Mettenleiter / Stefan Knöbl: Blickfeld Deutsch; Verlag Ferdinand Schönongh; S. 61

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hey, habe den film zwar noch nicht gesehen aber werde ihn mir auf jeden fall anschauen. Ich finde es schade das die leute die sich von diesem film verletzt und beleidigt fühlen (zumindest auf seiten der kasachen) nicht sehen wollen oder können das er ein kasachstan beschreibt das nicht existiert und das man dort nicht wirklich automatisch sex mit seiner schwester hat wird wohl fast jedem der mit ein wenig sozialer kompetenz und inteligenz ausgestattet ist auch klar sein.

also ich werd mir den film auf jeden fall anschauen und mich warscheinlich schrecklich über die amis amüsieren.

MfG
Georg

Chaibrother hat gesagt…

Es ist natürlich Schade, dass ein Land, welches nie im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht, von dessen Existenz die Menschen nur dem Namen nach wissen,jetzt Aufsehen erregt, weil es Ausgangspunkt einer gefeierten Satire wird. Der kasachische Staat regt sich auf, da man sich gerade dem Westen annähern und sich moderner zeigen möchte und der einfach Kasache, der nichts hat außer seiner Ehre, weil ihm diese genommen wurde. In Borat wird ausgeholt ja... aber am Anfang des Films steht eben auch die Fiktion. Nichts entspricht der Realität in diesem kasachischen Dorf. Der Borat, den wir sehen ist eine Kunstfigur in einer gestellten Szenerie. Das interessante an der Ausgangssituation ist doch, dass diese Kunstfigur über den großen Teich reist und dort auf "echte" Menschen losgelassen wird. Menschen, die sich dem kasachischen "Trottel" Borat anvertrauen und so ihre rassisstische, antisemitische, frauen und schwulenfeindliche Seite zeigen.Borat läßt uns über die übertriebene Fiktion lachen, die er braucht, um auf einem anderen Kontinent eine erschreckende Wahrheit/Wirklichkeit ans Tageslicht zu bringen.